Wer einmal eine Trading-Plattform geöffnet hat, ist ihnen begegnet: zwei verschiedene Preise für dieselbe Aktie. Bid und Ask, Geld und Brief, Kauf- und Verkaufskurs. Für Neueinsteiger oft verwirrend, für erfahrene Trader eine der wichtigsten Marktinformationen überhaupt.

Die zwei Preise

Jedes liquide Wertpapier wird in zwei Preisen gehandelt:

Bid-Preis (Geldkurs): Der höchste Preis, zu dem ein Käufer aktuell bereit ist, das Wertpapier zu kaufen.

Ask-Preis (Briefkurs): Der niedrigste Preis, zu dem ein Verkäufer aktuell bereit ist, das Wertpapier zu verkaufen.

Ein Beispiel: Die Nestlé-Aktie wird mit Bid 92.50 CHF und Ask 92.54 CHF quotiert. Wer Nestlé jetzt sofort kaufen möchte, zahlt 92.54 CHF. Wer sofort verkaufen will, erhält 92.50 CHF.

Der Bid-Ask-Spread beträgt in diesem Beispiel 0.04 CHF — die Differenz zwischen Käufer- und Verkäuferseite.

Wer setzt diese Preise?

Im modernen elektronischen Handel gibt es keinen einzelnen “Quotierer”. Stattdessen entstehen die Preise aus dem Orderbuch — einer fortlaufenden Liste aller offenen Kauf- und Verkaufsorders.

Das Orderbuch für eine Aktie sieht typischerweise so aus:

Bid (Kaufseite)VolumenAsk (Verkaufseite)Volumen
92.501’20092.54800
92.493’50092.552’100
92.485’00092.564’800
92.478’20092.5710’500

Der best bid ist der höchste Kaufpreis (92.50), der best ask der niedrigste Verkaufspreis (92.54). Dazwischen liegt der Spread.

“The order book is the market. Everything else is interpretation.” — anonymer Marktmacher

Market Maker — die unsichtbaren Akteure

In stark liquiden Aktien werden Bid und Ask häufig durch Market Maker gestellt. Das sind Firmen, die sich verpflichten, kontinuierlich An- und Verkaufspreise zu stellen — sie machen den Markt im wörtlichen Sinne.

Bekannte institutionelle Market Maker sind Citadel Securities, Virtu Financial, Optiver oder Susquehanna. In Europa sind Banken wie die UBS, die Deutsche Bank oder die niederländische Flow Traders aktiv.

Market Maker verdienen am Spread: Sie kaufen zum Bid-Preis, verkaufen zum Ask-Preis. Bei Tausenden Trades pro Tag summieren sich diese kleinen Margen zu erheblichen Erträgen.

Was den Spread bestimmt

Der Spread variiert massiv zwischen verschiedenen Wertpapieren. Folgende Faktoren spielen eine Rolle:

Liquidität. Je höher das Handelsvolumen, desto enger der Spread. Apple-Aktien mit Milliardenvolumen täglich haben Spreads von wenigen Cents. Eine kleine Schweizer Nebenwert-Aktie kann Spreads von mehreren Prozent haben.

Volatilität. In ruhigen Märkten sind Spreads eng. In turbulenten Phasen weiten sie sich, weil Market Maker mehr Risiko übernehmen müssen.

Tageszeit. Bei US-Aktien sind die Spreads in der Eröffnungs- und Schlussphase oft am engsten, in der Mittagszeit kann sich die Liquidität ausdünnen.

Marktöffnung. Vor und nach den regulären Handelszeiten (Pre-Market, After-Hours) sind die Spreads typischerweise deutlich weiter.

Wertpapier-Art. ETFs auf grosse Indizes haben sehr enge Spreads. Anleihen können je nach Laufzeit und Bonität sehr weite Spreads aufweisen.

Spreads in verschiedenen Anlageklassen

Typische Spread-Bandbreiten:

AnlageTypischer Spread
Apple, Microsoft, Alphabet0.01 % oder weniger
Nestlé, Roche, Novartis0.02 bis 0.05 %
Kleine SMI-Werte0.1 bis 0.3 %
Schweizer Nebenwerte0.5 bis 3 %
Hauptwährungspaare (EUR/USD)0.5 bis 2 Pips
Exotische Währungen50 bis 200 Pips
Bundesanleihenwenige Basispunkte
High-Yield-Anleihen0.5 bis 2 %

Diese Werte verändern sich mit dem Marktumfeld. In der Coronakrise im März 2020 weiteten sich Spreads dramatisch — auch bei eigentlich liquiden Werten.

Mid-Price und Last-Price

Neben Bid und Ask werden zwei weitere Preise oft genannt:

Mid-Price: Der arithmetische Durchschnitt von Bid und Ask. Bei 92.50 / 92.54 beträgt der Mid-Price 92.52. Diese Zahl wird häufig für indikative Zwecke verwendet — etwa für Charts oder Portfolio-Bewertungen.

Last-Price: Der Preis des zuletzt abgewickelten Trades. Dieser kann sowohl beim Bid als auch beim Ask gelegen haben — je nachdem, ob der letzte Trade ein Kauf oder Verkauf war.

In ruhigen Märkten liegen alle drei Preise nah beieinander. In bewegten Phasen können sie deutlich voneinander abweichen.

“The last price tells you where the market was. The bid-ask tells you where it is.” — anonymer Floor-Trader

Praktische Konsequenzen für Trader

Das Verständnis des Bid-Ask-Spreads hat unmittelbare Auswirkungen auf jede Trading-Entscheidung:

1. Market-Orders zahlen den Spread. Eine Kauf-Market-Order wird zum Ask ausgeführt, eine Verkauf-Market-Order zum Bid. Bei jedem Round-Trip-Trade (kaufen und verkaufen) ist der Spread eine Kostenposition.

2. Limit-Orders können den Spread vereinnahmen. Wer mit einer Limit-Order zwischen Bid und Ask einsteigt, kann manchmal den Spread für sich nutzen — wenn die Order zum besseren Preis ausgeführt wird.

3. In illiquiden Werten ist der Spread oft die grösste Kostenposition. Eine Aktie mit 1 % Spread und einer Kommission von 10 CHF bei 1’000 CHF Volumen hat Kosten von 10 + 5 = 15 CHF beim Round-Trip — wobei der Spread die Hälfte ausmacht.

4. Spread-Verbreiterung als Warnsignal. Wenn sich der Spread plötzlich deutlich weitet, ist meist Stress im Markt. Vorsicht bei aggressiven Trades.

Spread und Order-Buch lesen

Professionelle Trader betrachten nicht nur Bid und Ask, sondern das gesamte Orderbuch. Das verrät:

  • Tiefe der Liquidität: Wie gross sind die Volumen auf beiden Seiten?
  • Imbalance: Mehr Kauf- oder mehr Verkaufsdruck?
  • Manipulation: Auffällig grosse Orders, die plötzlich erscheinen und verschwinden (“Spoofing”)

Wer 10’000 Apple-Aktien kaufen will, muss schauen, wie viele auf den ersten Bid/Ask-Ebenen liegen — sonst läuft die Order durch mehrere Preisebenen und der durchschnittliche Ausführungspreis liegt deutlich über dem ersten Ask.

Fazit

Bid und Ask sind keine technische Nebensächlichkeit, sondern die Grundinformation jedes Marktgeschehens. Wer sie ignoriert oder falsch interpretiert, trifft Trading-Entscheidungen ohne fundamentales Verständnis.

Für Privatanleger gilt: Bei jedem Trade sollte der Spread bewusst eingerechnet werden. Bei kurzfristigen Strategien (Daytrading, Scalping) kann der Spread allein über Erfolg oder Misserfolg entscheiden. Bei langfristigen Buy-and-Hold-Strategien spielt er eine untergeordnete Rolle.

In jedem Fall lohnt der bewusste Blick auf das Orderbuch — er macht den Unterschied zwischen einem Anleger, der weiss, was er tut, und einem, der blind den letzten Preis kauft.


Dieser Artikel dient ausschliesslich der Information und stellt keine Anlageberatung dar.