Das Kurs-Gewinn-Verhältnis — international als P/E-Ratio bekannt — ist die wohl populärste Bewertungskennzahl an den Aktienmärkten. Kaum eine Unternehmensanalyse, kaum ein Börsenartikel kommt ohne diese Zahl aus. Trotz ihrer Allgegenwart wird sie regelmässig falsch interpretiert. Eine fundierte Auseinandersetzung lohnt sich für jeden Anleger.

Die Definition

Das KGV setzt den aktuellen Aktienkurs ins Verhältnis zum Gewinn pro Aktie:

KGV = Aktienkurs / Gewinn pro Aktie

Notiert eine Aktie zu 100 Franken und erwirtschaftete sie im letzten Jahr 5 Franken Gewinn pro Aktie, beträgt das KGV 20. Anleger zahlen also 20 Franken für jeden Franken Jahresgewinn.

Interpretiert man die Zahl umgekehrt, entspricht ein KGV von 20 einer Gewinnrendite von 5 Prozent (1 geteilt durch 20). Diese Sichtweise erleichtert den Vergleich mit Anleihen-Renditen erheblich.

“Price is what you pay. Value is what you get.”Warren Buffett

Trailing vs. Forward

Die Definition klingt simpel, hat aber eine entscheidende Variable: welcher Gewinn?

Trailing P/E (KGV TTM): verwendet den Gewinn der letzten zwölf Monate. Vergangenheitsorientiert, aber faktisch nachweisbar.

Forward P/E: stützt sich auf den erwarteten Gewinn der kommenden zwölf Monate. Zukunftsorientiert, aber abhängig von Analystenprognosen, die regelmässig daneben liegen.

Die meisten Finanzportale zeigen standardmässig das Trailing-KGV. Bei stark wachsenden Unternehmen kann das Forward-KGV dramatisch tiefer aussehen — was Optimismus erzeugen kann, der nicht immer berechtigt ist.

Historische Einordnung

Welche KGV-Niveaus sind hoch, welche tief? Eine empirische Einordnung:

MarktHistorisches Durchschnitts-KGVBandbreite
S&P 500ca. 15 bis 187 bis 35
SMIca. 14 bis 179 bis 25
Nasdaq 100ca. 22 bis 2812 bis 40
MSCI Emerging Marketsca. 13 bis 168 bis 22

Diese Bandbreiten sind nicht in Stein gemeisselt. Das Shiller-KGV (Cyclically Adjusted Price-to-Earnings Ratio, CAPE) des S&P 500 erreichte 1999 historische Höchstwerte über 40, bevor die Dotcom-Blase platzte. Im März 2009 lag es zeitweise unter 14 — eine seltene Gelegenheit für Long-Term-Investoren.

Was ein hohes KGV bedeuten kann

Ein hohes KGV ist kein automatisches Verkaufssignal. Folgende Ursachen sind möglich:

Wachstumserwartungen. Anleger preisen ein, dass die Gewinne in den kommenden Jahren stark zunehmen werden. Eine Technologie-Aktie mit KGV 50 kann gerechtfertigt sein, wenn die Gewinne sich in fünf Jahren verzehnfachen.

Defensive Geschäftsmodelle. Unternehmen mit stabilen Cashflows (Nahrungsmittel, Pharma, Versorger) handeln oft zu höheren KGVs, weil ihre Gewinne planbarer sind.

Niedriges Zinsumfeld. In Phasen tiefer Zinsen sind Aktien generell höher bewertet, weil die Diskontierungssätze für künftige Cashflows niedriger ausfallen.

Marktphantasie. Manchmal sind hohe KGVs schlicht durch spekulative Euphorie getrieben. Diese Phasen enden historisch immer mit einer Korrektur.

Was ein niedriges KGV bedeuten kann

Auch ein niedriges KGV ist nicht automatisch ein Kaufsignal:

Strukturelle Probleme. Unternehmen in schrumpfenden Industrien (Print-Medien, Kohle, Tabak) handeln oft zu niedrigen KGVs, weil ihre Gewinne langfristig sinken.

Zyklische Hochs. Bei zyklischen Werten (Automobil, Banken, Rohstoffe) sind die KGVs am Top des Zyklus tief — der Markt erwartet bereits einen Gewinneinbruch.

Spezifische Risiken. Rechtsstreitigkeiten, Regulierungsrisiken oder Bilanzunsicherheiten drücken das KGV.

Echte Unterbewertung. In wenigen Fällen sind niedrige KGVs tatsächlich Kaufgelegenheiten. Das herauszufinden ist die Königsdisziplin des Value-Investings.

“The most important thing to value investors is the difference between price and value. The KGV is just one tool to find it.”Howard Marks

Grenzen des KGV

Das KGV hat fundamentale Schwächen, die Anleger kennen sollten:

Bilanzielle Beeinflussbarkeit. Unternehmen können ihre ausgewiesenen Gewinne durch Bilanzierungsentscheidungen steuern — Abschreibungen, Rückstellungen, Aktivierungen. Zwei Unternehmen mit identischer wirtschaftlicher Lage können sehr unterschiedliche KGVs ausweisen.

Verlust-Situationen. Ein Unternehmen mit Verlust hat ein negatives KGV — die Kennzahl wird wertlos. Bei jungen Wachstumsunternehmen ist sie deshalb oft nicht aussagekräftig.

Einmaleffekte. Aktiengewinne, Sondererträge oder Restrukturierungskosten können das KGV einmalig verzerren.

Branchen-Unterschiede. Ein KGV-Vergleich zwischen einer Bank und einem Software-Unternehmen ist wenig sinnvoll — die Geschäftsmodelle sind zu unterschiedlich.

Ergänzende Kennzahlen

Professionelle Anleger nutzen das KGV deshalb nie isoliert. Wichtige Ergänzungen:

  • KGV-PEG-Ratio: KGV geteilt durch Gewinnwachstum. Berücksichtigt die Wachstumsdynamik.
  • EV/EBITDA: Berücksichtigt Verschuldung und ist weniger anfällig für Bilanzpolitik.
  • Free Cashflow Yield: Verwendet den freien Cashflow statt buchhalterischem Gewinn.
  • Kurs-Buchwert-Verhältnis (KBV): Sinnvoll besonders bei Banken und Versicherungen.
  • Dividendenrendite: Spielt eine wichtige Rolle bei Income-orientierten Strategien.

“No single financial metric tells the whole story. The KGV is the first question, never the last.” — Sinngemäss Aswath Damodaran, Bewertungs-Professor

Anwendung in der Praxis

Ein pragmatischer Umgang mit dem KGV könnte so aussehen:

  1. Sektor-Vergleich. Vergleiche das KGV mit Branchenmittel und direkten Konkurrenten, nicht mit dem Gesamtmarkt.
  2. Historische Einordnung. Wo liegt das KGV im Verhältnis zum 5- oder 10-Jahres-Durchschnitt der Aktie selbst?
  3. Wachstumsbereinigung. PEG-Ratio unter 1 deutet auf günstige Bewertung bei gegebenem Wachstum hin, über 2 ist meist teuer.
  4. Qualitäts-Check. Ist das KGV niedrig, weil das Unternehmen wirklich günstig ist, oder weil es ein strukturelles Problem hat?

Fazit

Das KGV ist ein nützliches, aber nicht ausreichendes Werkzeug. Wer eine Aktie nur anhand des KGV bewertet, verlässt sich auf eine einzige Variable in einem komplexen System.

Erfolgreiche langfristige Anleger nutzen das KGV als Ausgangspunkt der Analyse, nicht als deren Ende. Die wirklich entscheidende Frage ist nicht “wie hoch ist das KGV?”, sondern “ist es im aktuellen Marktumfeld gerechtfertigt?” Wer diese Frage stellt und ehrlich beantwortet, ist auf dem Weg zu fundierten Anlageentscheidungen.


Dieser Artikel dient ausschliesslich der Information und stellt keine Anlageberatung dar.