Spreads im Trading: Die wichtigste Kostenposition, die niemand erklärt
Der Spread ist die Differenz zwischen Geld- und Briefkurs — und für die meisten Trader die grösste Einzelkostenposition. Eine detaillierte Analyse.
Wer ein Finanzinstrument kauft und es im selben Moment wieder verkaufen würde, verliert Geld. Nicht durch einen schlechten Trade, nicht durch Marktbewegung — sondern durch den Spread. Dieser Mechanismus ist die fundamentalste Kostenstruktur an den Finanzmärkten und gleichzeitig die am häufigsten unterschätzte.
Definition und Mechanik
Der Spread bezeichnet die Differenz zwischen dem Geldkurs (Bid) und dem Briefkurs (Ask) eines Finanzinstruments. Der Geldkurs ist der Preis, zu dem ein Marktteilnehmer bereit ist zu kaufen — der Briefkurs jener, zu dem verkauft wird. Diese beiden Preise sind nie identisch, und die Differenz zwischen ihnen ist der Spread.
Ein konkretes Beispiel: Bei EUR/USD steht der Markt bei 1.0850 / 1.0852. Der Trader kann zu 1.0852 kaufen und zu 1.0850 verkaufen. Die Differenz beträgt 0.0002 — das sind 2 Pips. Bei einer Standard-Position von 100’000 EUR entspricht das 20 USD direkten Kosten beim Eingehen der Position.
“In the trading business, your most important edge is understanding cost. Everything else is secondary.” — Paul Tudor Jones
Warum der Spread existiert
Der Spread ist die Vergütung der Market-Maker für ihre Bereitschaft, jederzeit Liquidität zu stellen. Eine Bank, die kontinuierlich Geld- und Briefkurse für ein Währungspaar quotiert, geht das Risiko ein, eine Position eingehen zu müssen, die sich gegen sie entwickelt. Der Spread ist der Ausgleich für dieses Risiko und gleichzeitig der Gewinn aus dem Geschäftsmodell.
Bei hochliquiden Instrumenten wie EUR/USD, US-Staatsanleihen oder grossen Aktien wie Apple ist der Spread minimal. Bei illiquiden Instrumenten — exotischen Währungen, kleinen Aktien oder weit-laufenden Optionen — kann er erheblich sein.
Spread-Typen in der Praxis
Fixe Spreads
Manche Broker bieten fixe Spreads an, die sich nicht mit den Marktbedingungen ändern. EUR/USD wird beispielsweise immer mit 2 Pips Spread gequotet, unabhängig von der Tageszeit oder Volatilität. Vorteil: Planbarkeit. Nachteil: In ruhigen Marktphasen zahlt der Trader deutlich mehr, als am echten Markt anfällt.
Variable Spreads
Variable Spreads spiegeln die echten Marktbedingungen wider. In liquiden Phasen — etwa während der Überlappung von London- und New-York-Session — können sie auf 0.1 bis 0.3 Pips fallen. In illiquiden Phasen, beispielsweise nach Marktschluss oder während wichtiger Wirtschaftsereignisse, können sie kurzzeitig auf 5 bis 20 Pips ansteigen.
Kommissionsmodelle (ECN/STP)
Echte ECN-Broker (Electronic Communication Network) trennen Spread und Kommission. Der Spread entspricht dem echten Markt — oft 0.0 bis 0.2 Pips bei EUR/USD —, dafür wird eine separate Kommission pro Trade berechnet, typischerweise 5 bis 7 USD pro Standard-Lot Roundturn. Für aktive Trader ist dieses Modell fast immer günstiger als Market-Maker mit fixen Spreads.
Spread-Kosten in der Realität
Folgende Tabelle zeigt typische Spread-Kosten für eine Standard-Position über einen Tag mit fünf Trades:
| Instrument | Market-Maker | ECN-Broker | Differenz pro Tag |
|---|---|---|---|
| EUR/USD (100k) | 100 USD | 35 USD | 65 USD |
| Gold (10 oz) | 75 USD | 30 USD | 45 USD |
| DAX (1 Kontrakt) | 50 EUR | 15 EUR | 35 EUR |
Über 250 Handelstage pro Jahr summiert sich die Differenz auf mehrere zehntausend Franken — bei identischer Trading-Strategie.
Verstecktes Spielfeld: Slippage und Re-Quotes
Der gezeigte Spread im Trading-Terminal ist nicht immer der ausgeführte Spread. Zwei Phänomene können zusätzliche Kosten verursachen:
Slippage bezeichnet die Differenz zwischen erwartetem und tatsächlichem Ausführungspreis. In schnellen Märkten kann die Slippage 1 bis 5 Pips betragen — bei wichtigen Wirtschaftsdaten sogar 10 bis 50 Pips.
Re-Quotes treten auf, wenn der Broker eine Order zum gewünschten Preis nicht ausführt und stattdessen einen neuen, ungünstigeren Preis anbietet. Bei seriösen ECN-Brokern existieren Re-Quotes praktisch nicht.
“It is far better to buy a wonderful company at a fair price than a fair company at a wonderful price.” — Warren Buffett
Spread-Kosten reduzieren
Folgende Massnahmen helfen, Spread-Kosten zu minimieren:
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Trading-Zeiten optimieren. Die liquidesten Stunden — typischerweise 14:00 bis 17:00 Schweizer Zeit bei FX-Märkten — bieten die engsten Spreads.
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ECN-Modell wählen. Bei höheren Volumen ist Kommission plus echtem Spread fast immer günstiger als ein Market-Maker mit fixem Spread.
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Limit-Orders statt Market-Orders. Eine Limit-Order zum aktuellen Bid- oder Ask-Preis vermeidet Spread-Kosten — kann aber dazu führen, dass die Order nicht ausgeführt wird.
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Volatile Zeiten vermeiden. Spreads weiten sich vor wichtigen Wirtschaftsdaten oft auf das Drei- bis Zehnfache des Normalwerts aus. Wer nicht explizit auf das Ereignis spekuliert, sollte ausserhalb dieser Fenster handeln.
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Liquide Instrumente bevorzugen. Die Spread-Differenz zwischen EUR/USD und exotischen Paaren wie USD/TRY oder ZAR/JPY kann das Zwanzigfache betragen.
Die Rolle des Spreads in der Performance
Akademische Studien zeigen: Bei Retail-Tradern mit hochfrequenter Strategie machen Spread-Kosten häufig den Unterschied zwischen profitabler und unprofitabler Strategie aus. Eine Strategie, die theoretisch eine Rendite von 15 % pro Jahr generiert, kann nach Spread-Kosten bei -5 % landen.
Diese Asymmetrie ist der Hauptgrund, warum institutionelle Trader bei Banken oder Hedgefonds dramatisch besser performen als Retail-Trader mit identischer Strategie. Sie haben Zugang zu Spread-Konditionen, die für Privatkunden nicht verfügbar sind.
Fazit
Der Spread ist keine Nebensächlichkeit, sondern eine Kernkomponente der Trading-Performance. Vor jeder Strategie-Implementierung sollte berechnet werden: Wie oft wird gehandelt, wie hoch sind die durchschnittlichen Spreads, welcher Anteil der erwarteten Rendite wird durch Spread-Kosten aufgezehrt?
Eine Strategie, die diese Frage nicht überlebt, ist keine Strategie — sondern ein teures Hobby.
Dieser Artikel dient ausschliesslich der Information und stellt keine Anlageberatung dar.