Der VIX: Wie der 'Angst-Index' der Wall Street funktioniert
Der VIX misst die erwartete Volatilität des S&P 500. Wie er berechnet wird, was Trader daraus lesen können und welche Fallen die VIX-Produkte bergen.
Wenn an den US-Börsen Panik ausbricht, taucht in den Schlagzeilen schnell eine Zahl auf: der VIX. Der Volatility Index der Chicago Board Options Exchange (CBOE) wird oft als “Angst-Index der Wall Street” bezeichnet. Doch was misst er wirklich, und kann er Anlegern als Frühwarnsystem dienen?
Was der VIX misst
Der VIX bildet die erwartete Volatilität des S&P 500 für die kommenden 30 Tage ab. Er wird aus den Preisen von Optionen auf den S&P 500 berechnet. Je höher die Optionspreise, desto stärker die Schwankungen, die der Markt erwartet, desto höher der VIX.
Wichtig: Der VIX misst nicht die vergangene Volatilität, sondern die vom Markt implizit erwartete Volatilität.
Historische Werte
| VIX-Wert | Marktphase |
|---|---|
| Unter 12 | Extreme Ruhe |
| 12–20 | Normale Marktphase |
| 20–30 | Erhöhte Unsicherheit |
| 30–40 | Stress-Phase |
| Über 40 | Panik / Krise |
| Über 60 | Extremereignis |
Historische Höchststände:
- Oktober 2008 (Finanzkrise): 89,53
- März 2020 (Corona-Crash): 85,47
- August 2024 (Yen-Carry-Crash): 65,73
Warum der VIX wichtig ist
“Der Markt kann länger irrational bleiben, als Sie solvent bleiben können.”
— John Maynard Keynes, britischer Ökonom
Der VIX gibt Tradern Hinweise auf das Stimmungsbild am Markt:
- Niedriger VIX: Anleger sind selbstzufrieden, oft Vorbote von Korrekturen.
- Hoher VIX: Panik herrscht, historisch oft günstige Kaufgelegenheiten.
- VIX-Spikes: Schnelle Anstiege deuten auf akute Risikoaversion hin.
Mean Reversion: Die wichtigste VIX-Eigenschaft
Der VIX ist mean-reverting — er kehrt langfristig immer zu seinem Mittelwert (historisch ca. 19) zurück. Extreme Werte halten selten lange an.
Dies hat zwei wichtige Implikationen:
- VIX-Spikes sind temporär: Auch der schlimmste Crash endet, der VIX fällt wieder.
- Niedrige VIX-Phasen sind nicht ewig: Auf jede Ruhe folgt irgendwann Sturm.
“Volatilität ist nicht Risiko. Risiko ist, dass Sie Geld verlieren. Volatilität ist nur Bewegung — und Bewegung schafft Chancen.”
— Howard Marks, Oaktree Capital
Wie der VIX gehandelt wird
Direkt handelbar ist der VIX nicht — er ist nur ein Index. Es gibt aber abgeleitete Produkte:
VIX-Futures: An der CFE gehandelt, oft mit Contango (siehe unser Artikel zu Contango und Backwardation).
ETFs / ETNs:
- VXX: Bildet kurzfristige VIX-Futures ab
- UVXY: Gehebelte Version
- SVXY: Inverse Version (short Volatilität)
Vorsicht: VIX-Produkte verlieren in ruhigen Phasen durch Contango massiv an Wert. Wer den ProShares VXX seit Auflage gehalten hat, hat über 99 % verloren.
Der Volmageddon 2018
Am 5. Februar 2018 stieg der VIX innerhalb eines Tages von 17 auf 37. Mehrere Short-Volatility-ETNs implodierten — der XIV verlor an einem Tag 96 % seines Wertes und wurde anschließend liquidiert.
Die Lektion: Short-Volatility-Strategien funktionieren jahrelang — bis sie nicht mehr funktionieren. Dann verlieren sie alles auf einmal.
“Es gibt keine schwarzen Schwäne. Es gibt nur Strategien, deren Risiken Sie nicht verstanden haben.”
— Nassim Nicholas Taleb, Autor “Der schwarze Schwan”
VIX als Kontraindikator
Viele professionelle Investoren nutzen den VIX als Kontraindikator:
- VIX über 40 → historisch oft Kaufgelegenheiten am Aktienmarkt
- VIX unter 12 → Warnsignal, Markt zu sorglos
Warren Buffett wartet seit Jahren auf Phasen extremer Marktpanik — der VIX zeigt ihm, wann es so weit ist.
Was der VIX nicht kann
Der VIX ist kein Vorhersage-Werkzeug für Marktrichtung. Er sagt nur, wie stark der Markt schwanken wird — nicht in welche Richtung.
Ein hoher VIX kann sowohl auf einen Crash als auch auf eine rasche Erholung hinweisen. Wer den VIX als Timing-Tool für Long/Short-Entscheidungen nutzt, wird oft enttäuscht.
Fazit
Der VIX ist ein nützliches Werkzeug, um die Marktstimmung einzuschätzen. Er funktioniert als Sentiment-Indikator und kann extreme Phasen sichtbar machen.
Für aktive Trader bietet er eine wichtige Information: Wann ist der Markt in Panik, wann zu sorglos? Aber als Handelsinstrument ist der VIX gefährlich — die ETN-Pleite von 2018 hat gezeigt, dass selbst Profis hier Milliarden verlieren können.
Der einfachste Umgang mit dem VIX: Beobachten, lernen, daraus Schlüsse über die eigene Risikotoleranz ziehen — aber selten direkt handeln.
Dieser Artikel ist eine redaktionelle Einschätzung und stellt keine Anlageberatung dar. Derivate auf den VIX sind hochkomplex und können bei unsachgemäßer Anwendung zum Totalverlust führen.