Was ist die Vermögenssteuer?

Die Vermögenssteuer ist eine kantonale und kommunale Steuer auf dein gesamtes Reinvermögen, also Vermögen minus Schulden. Anders als in Deutschland (wo es keine Vermögenssteuer gibt) und Österreich (wo es seit 1994 keine mehr gibt) ist die Vermögenssteuer in der Schweiz ein laufendes Thema für jeden Steuerzahler.

Sie wird auf das Vermögen per 31. Dezember des Steuerjahres berechnet.

Was zählt zum steuerbaren Vermögen?

Im Wertschriftenverzeichnis erfasst:

  • Bankkonten (Lohnkonto, Sparkonto, Tagesgeld)
  • Aktien (Schweizer und ausländische)
  • Anleihen und Obligationen
  • ETFs und Investmentfonds
  • Kryptowährungen
  • Strukturierte Produkte und Derivate

Sonstiges Vermögen:

  • Immobilien (zum Steuerwert, nicht Verkehrswert)
  • Auto (oft pauschal bewertet)
  • Lebensversicherungen mit Rückkaufswert
  • Säule 3a (in einigen Kantonen separat behandelt)
  • Edelmetalle (Gold, Silber)
  • Bargeld zu Hause

Nicht zum Vermögen:

  • Hausrat im normalen Umfang
  • Persönliche Gebrauchsgegenstände
  • Pensionskasse (Säule 2, vor Bezug)

Wie wird das Vermögen bewertet?

Aktien und ETFs: Zum Marktwert am 31.12., die ESTV publiziert eine Kursliste, die für die Bewertung verwendet werden kann.

Kryptowährungen: Auch zum Jahresendkurs. Die ESTV publiziert ebenfalls Krypto-Werte oder die Bank/Plattform stellt einen Auszug aus.

Immobilien: Zum Steuerwert, der oft 60-90% des Verkehrswerts beträgt. Das ist eine kantonale Frage und variiert stark.

Lebensversicherungen: Zum Rückkaufswert per 31.12.

Schulden abziehen

Schulden mindern das steuerbare Vermögen:

  • Hypotheken (auf Immobilien)
  • Konsumkredite
  • Geschäftliche Schulden
  • Lombardkredite (Wertschriftenkredite)

Wichtig: Schulden müssen abzugsfähig sein. Privatdarlehen unter Freunden ohne Vertrag werden vom Steueramt skeptisch beurteilt.

Die kantonalen Unterschiede

Vermögenssteuer ist Kantonssache, die Sätze variieren massiv:

KantonHöchstsatz Vermögenssteuer (ca.)Freibetrag (Single)
Zürichca. 0,4%80.000 CHF
Genfbis 1%82.000 CHF
Zugca. 0,2%100.000 CHF
Basel-Stadtbis 0,7%50.000 CHF
Schwyzca. 0,15%100.000 CHF
Nidwaldenca. 0,2%50.000 CHF
Aargauca. 0,35%80.000 CHF
Wallisbis 0,5%30.000 CHF

Diese Zahlen sind nur Richtwerte, die genauen Sätze und Tarife sind in den kantonalen Steuergesetzen festgelegt und können sich ändern. Aktuelle Werte beim kantonalen Steueramt prüfen.

Faustregel: Die Innerschweizer Kantone (Zug, Schwyz, Nidwalden) sind besonders steuergünstig. Genf und Basel-Stadt sind teuer.

Progressiver Tarif

Die meisten Kantone wenden einen progressiven Tarif an, das heisst, der Steuersatz steigt mit dem Vermögen. Bei einem Vermögen von 200.000 CHF ist der durchschnittliche Steuersatz niedriger als bei 5 Mio. CHF.

Beispielrechnung Zürich (vereinfacht):

  • Vermögen: 500.000 CHF (nach Freibetrag und Schulden)
  • Kantonale Vermögenssteuer: ca. 0,2% durchschnittlich = 1.000 CHF
  • Kommunale Steuer: Multiplikator (oft 90-130%) = ca. 1.100 CHF
  • Total Vermögenssteuer: ca. 2.100 CHF

Vermögenssteuer und Aktien

Wichtig: Die Vermögenssteuer wird auf den Marktwert deiner Aktien am 31.12. erhoben, unabhängig davon, ob du Gewinn oder Verlust gemacht hast.

Beispiel: Du hast 100 Nestlé-Aktien zum Wert von 75 CHF gekauft. Am 31.12. stehen sie bei 80 CHF.

  • Steuerwert: 100 × 80 = 8.000 CHF
  • Dieser Betrag wird im Wertschriftenverzeichnis erfasst und unterliegt der Vermögenssteuer

Auch wenn du die Aktien nie verkaufst und niemals einen Gewinn realisierst, zahlst du jährlich Vermögenssteuer auf den steigenden Marktwert.

ETF-Bewertung

ETFs werden ebenfalls zum Marktwert am 31.12. bewertet. Bei thesaurierenden ETFs zählt der Kurswert, die “stillen Erträge” sind im Marktwert bereits enthalten.

Krypto-Bewertung

Kryptowährungen müssen im Wertschriftenverzeichnis erfasst werden. Die ESTV publiziert Jahresendkurse für die wichtigsten Coins:

  • Bitcoin
  • Ethereum
  • weitere Top-Coins

Bei Coins ohne ESTV-Kurs nimmst du den Kurs einer anerkannten Börse (Bitstamp, Kraken, Coinbase).

Wichtig: Self-Custody-Wallets (z.B. Ledger, Trezor) müssen ebenfalls deklariert werden. Wer hier “vergisst”, riskiert Steuerhinterziehung, und mit dem erweiterten AIA ab 2026 wird Krypto-Daten zunehmend international ausgetauscht.

Praktische Optimierungs-Möglichkeiten

1. Schulden nutzen: Lombardkredite oder Hypotheken senken das steuerbare Vermögen. Aber: Kreditzinsen müssen niedriger sein als deine Anlagerendite, sonst ist es teurer Spass.

2. Wohnsitz wählen: Wer mobil ist, kann den steuergünstigsten Kanton wählen. Aber: Echter Wohnsitzwechsel mit allen Konsequenzen ist nötig, keine Steuer-Tricks.

3. Pensionskasse einkaufen: Beiträge zur Säule 2 sind vom Vermögen abzugsfähig und reduzieren auch die Einkommenssteuer.

4. Säule 3a: Beiträge mindern Vermögen UND Einkommen. Bei steuerlich optimierten 3a-Anbietern (VIAC, finpension) sogar mit ETF-Investment.

5. Familienverteilung: Bei Verheirateten erfolgt gemeinsame Veranlagung. Bei nicht verheirateten Paaren kann die Vermögensverteilung steuerlich relevant sein.

Vermögenssteuer bei Aktien-Crashs

Achtung: Die Vermögenssteuer richtet sich nach dem Wert am 31.12. Wer am 30.12. ein 1-Mio-Depot hatte und am 1.1. nur noch 600.000 (Crash zwischen Weihnachten und Neujahr), zahlt trotzdem auf 1 Mio.

Praxistipp: In Crash-Zeiten den Stichtag-Effekt im Auge behalten. Manche Trader schichten kurz vor Jahresende in weniger volatile Werte um, um Bewertungsschocks zu vermeiden, das ist aber meist Aufwand für wenig.

Vermögenssteuer im internationalen Vergleich

Deutschland: Keine Vermögenssteuer. Diskussion über Wiedereinführung gibt es immer wieder, aktuell aber nicht umgesetzt.

Österreich: Keine Vermögenssteuer mehr seit 1994.

USA: Keine bundesstaatliche Vermögenssteuer, einige Bundesstaaten haben begrenzte Versionen.

Frankreich: IFI (Impôt sur la Fortune Immobilière), nur auf Immobilienvermögen, ähnlich aber enger als Schweizer Vermögenssteuer.

Spanien: Vermögenssteuer (Impuesto sobre el Patrimonio), kantonale Unterschiede ähnlich der Schweiz.

In Europa ist die Schweiz heute eines der wenigen Länder mit umfassender Vermögenssteuer. Das wird im internationalen Steuerwettbewerb manchmal kritisiert, aber bleibt eine Säule der föderalen Steuerphilosophie.

Was bedeutet das für Anleger?

Aktien: Mit zunehmender Performance steigen Vermögenssteuern. Bei einem 1-Mio-Aktiendepot in Zürich sind das ca. 4.000-6.000 CHF pro Jahr, eine “Erfolgssteuer”.

Buy-and-Hold-Tipp: Vermögenssteuer macht den Schweizer Anleger im Verhältnis zur Performance der Aktien tendenziell schlechter, vor allem im Vergleich zu Deutschland (Abgeltungsteuer nur bei Verkauf) oder USA (Kapitalgewinnsteuer nur bei Realisierung).

Aber: Die Steuerfreiheit der Kapitalgewinne in der Schweiz kompensiert das. Über lange Zeiträume mit hoher Performance ist die Schweiz steuerlich oft günstiger als andere Länder.

Fazit

Die Vermögenssteuer ist ein typisch Schweizer Phänomen, das international rar ist. Sie wirkt wie eine kleine, jährliche “Abnutzungsgebühr” auf dein Vermögen, beträgt aber selbst in teuren Kantonen selten mehr als 0,5-1% pro Jahr. Für die meisten Anleger ist sie eher unangenehm als ruinös. Wer wirklich grosse Beträge hält oder einen optimalen Standort sucht, sollte die kantonalen Unterschiede prüfen, und Schulden, Säule 3a und Pensionskassen-Einkauf als Optimierungs-Tools nutzen. Anders als bei Kapitalgewinnen, wo die Schweiz international ein Paradies ist, ist die Vermögenssteuer einer der Hauptnachteile des Schweizer Systems, aber dafür existiert sie.