Was ist ein Carry Trade?

Der Carry Trade ist eine Strategie, bei der du eine Währung mit niedrigen Zinsen leihst und in eine Währung mit höheren Zinsen investierst. Du verdienst die Zinsdifferenz, den sogenannten “Carry”.

Beispiel (klassisch):

  • Leih 100.000 JPY (Japanische Yen) zu 0,1% Zins
  • Tausche in USD und investiere zu 5% Zins
  • Differenz: 4,9% pro Jahr, einfach für das Halten der Position

So einfach, so verlockend. Aber es gibt ein grosses ABER.

Der Haken: Währungsrisiko

Du musst irgendwann die geliehenen JPY zurückzahlen. Wenn der JPY in der Zwischenzeit gegenüber dem USD aufwertet, verlierst du beim Rücktausch, möglicherweise mehr als der Zinsvorteil.

Beispiel: Du hast 100.000 USD aus 100.000 JPY (Kurs 1 USD = 100 JPY). Nach einem Jahr ist der Kurs 1 USD = 90 JPY. Du brauchst jetzt 111.111 USD, um die 100.000 JPY zurückzukaufen. Das sind 11% Verlust, und vom 5%-Zinsgewinn bleiben nichts übrig.

Die “Uncovered Interest Rate Parity”

Die ökonomische Theorie sagt: Im langfristigen Gleichgewicht sollten Wechselkurs-Anpassungen die Zinsunterschiede genau ausgleichen. Wenn USD-Zinsen über JPY-Zinsen liegen, sollte der USD gegen den JPY abwerten, genau so, dass der Carry-Vorteil neutralisiert wird.

ABER: In der Praxis hält diese Theorie nicht perfekt. Carry Trades funktionieren oft jahrelang, bis sie schlagartig nicht mehr funktionieren. Genau das macht sie gefährlich.

Die Schweiz: Land der Niedrigzins-Funding-Währung

Der Schweizer Franken ist über lange Zeiträume eine klassische “Funding-Währung” für Carry Trades. Niedrige bis negative SNB-Leitzinsen machten den CHF zur perfekten Leihwährung.

Berühmtes Beispiel: CHF-Hypotheken in Osteuropa In den 2000er-Jahren nahmen tausende Privatpersonen in Polen, Ungarn und Kroatien Hypotheken in Schweizer Franken auf, weil die Zinsen so niedrig waren. Eine implizite Carry-Trade-Wette.

Als der CHF in der Finanzkrise und vor allem nach der SNB-Aufgabe des EUR/CHF-Mindestkurses im Januar 2015 massiv aufwertete, explodierten die Schuldenbeträge in Lokalwährung. Tausende Familien wurden ruiniert. Politische Skandale und Klagen waren die Folge.

Lektion: Carry Trade in Privathaushaltsfinanzierungen ist ein katastrophaler Mix.

Typische Carry-Trade-Paare 2026

Beliebte Funding-Währungen (niedrige Zinsen):

  • Japanische Yen (JPY)
  • Schweizer Franken (CHF)
  • Manchmal Euro (EUR), je nach Zinsumfeld

Beliebte Anlage-Währungen (höhere Zinsen):

  • US-Dollar (USD)
  • Britisches Pfund (GBP)
  • Australischer Dollar (AUD)
  • Brasilianischer Real (BRL)
  • Türkische Lira (TRY), sehr hochriskant
  • Mexikanischer Peso (MXN)

Je grösser die Zinsdifferenz, desto höher der potenzielle Carry, aber auch das Währungsrisiko.

So funktioniert ein Carry Trade praktisch

Für Privatanleger (vereinfacht):

  • Forex-Position eröffnen, z.B. Long AUD/JPY (du leihst JPY, kaufst AUD)
  • Bei vielen Brokern wird die Zinsdifferenz täglich gutgeschrieben (Rollover, Swap)
  • Positiver Swap = positiver Carry, du bekommst pro Tag eine kleine Gutschrift
  • Negativer Swap = du zahlst (z.B. bei Short EUR/USD, wenn USD-Zinsen über EUR-Zinsen)

Für institutionelle Investoren:

  • Direktkauf von hochverzinslichen Anleihen in Fremdwährung
  • Refinanzierung über Niedrigzins-Schulden
  • Carry-Trade-ETFs (sehr selten)

Die Hauptrisiken

1. Volatilitäts-Crash: Wenn die Volatilität an den Märkten steigt (z.B. Finanzkrise, Pandemie), liquidieren Investoren ihre Carry-Positionen. Das wertet die Funding-Währung schlagartig auf und kann den Carry-Vorteil von Monaten oder Jahren in Tagen vernichten.

2. Plötzliche Zinsänderungen: Wenn die Funding-Zentralbank überraschend die Zinsen anhebt (z.B. SNB Januar 2015), kollabiert der Trade.

3. Geopolitische Schocks: Sanktionen gegen ein Land können die Hochzinswährung ruinieren (z.B. Rubel 2022).

4. Liquidität in Stress-Phasen: Manche Forex-Paare werden in Crashs illiquide. Du kannst nicht zum gewünschten Preis aussteigen.

5. Übernachtfinanzierung: Bei Forex-Brokern fallen täglich Swaps an. Wenn dein Broker schlechte Konditionen hat (oder du auf der falschen Seite stehst), frisst das deine Rendite.

Steuerliche Aspekte (DACH)

Schweiz: Devisengewinne sind für Privatanleger steuerfrei, wenn sie als Vermögensverwaltung gelten. ABER: Aktives Forex-Trading mit Hebel und kurzen Haltedauern führt fast garantiert zur Einstufung als gewerbsmässig. Dann werden alle Gewinne einkommensbesteuert plus AHV/IV.

Deutschland: Forex-Gewinne unterliegen der Abgeltungsteuer als Termingeschäfte, mit der 20.000-EUR-Verlustverrechnungsbeschränkung. Wer mit Hebel handelt und mal einen schlechten Trade hat, kann Verluste über 20.000 EUR nicht voll verrechnen.

Österreich: KESt 27,5% auf realisierte Gewinne. Bei ausländischen Brokern selbst zu deklarieren.

Beispiel: USD/CHF Carry Trade 2026

Annahme (vereinfacht, Zahlen für Modellrechnung):

  • SNB-Zins: 0,50%
  • Fed-Zins: 4,50%
  • Zinsdifferenz: 4,00% p.a.

Strategie: Long USD/CHF

  • Du hältst USD, das mit 4,5% verzinst wird
  • Du leihst implizit CHF zu 0,5%
  • Nettocarry: ca. 4% pro Jahr

Aber: Der USD muss nicht um mehr als 4% gegen den CHF abwerten, damit du Gewinn machst. Bei 1.000 EUR Einsatz und Hebel 5: nominal 5.000 USD-Position. Bei einer USD-Schwäche von z.B. 10% (was bei volatilen Devisenmärkten realistisch ist): 10% × 5.000 = 500 EUR Verlust. Während du nur ca. 200 EUR Carry pro Jahr verdient hast.

Das zeigt: Selbst bei attraktivem Carry kann die Wechselkursbewegung die Rechnung zerstören.

Crash-Beispiele aus der Geschichte

August 1998: Russland-Krise. Carry Trades USD/JPY brachen zusammen, JPY wertete in Tagen um 20% auf.

Januar 2015: SNB hob den EUR/CHF-Mindestkurs auf. CHF wertete intraday um 30% auf. Carry-Trader, die kurz CHF waren, verloren oft alles in Sekunden.

März 2020: Corona-Crash. Klassische Carry-Trade-Paare (AUD/JPY, NZD/JPY) verloren in 2 Wochen 15-20%.

Diese Schocks sind seltener, aber wenn sie kommen, sind sie brutal. Und langfristige Carry-Trader sind dann oft pleite, auch wenn die Strategie über Jahre Gewinn brachte.

Wer macht Carry Trades?

  • Hedge Funds: Klassische Klientel
  • Macro Trader: Setzen auf grosse Zinszyklen
  • Forex-Privatanleger: Beliebt bei Daytradern, mit hohem Hebel

Buy-and-Hold-Investoren machen praktisch keine Carry Trades, die Risiken passen nicht zur langfristigen Anlagestrategie.

Praktische Tipps

Wenn du trotzdem Carry-Trades probieren willst:

  1. Niemals mit dem gesamten Kapital: Maximal 5-10% des Portfolios für solche Strategien.

  2. Volatilität beobachten: Steigt der VIX oder andere Volatilitätsindikatoren stark, raus aus Carry Trades.

  3. Stop-Loss zwingend: Wechselkursrisiko ist real, ein Stop-Loss begrenzt Schäden.

  4. Diversifikation: Nicht alle Carry-Eier in einen Korb. Verteile auf verschiedene Paare.

  5. Funding-Kosten checken: Manche Broker haben so schlechte Swaps, dass die Strategie schon mit Karro starten würde. Vorher rechnen.

  6. Steuerlich vorbereitet sein: Ein guter Steuerberater wäre nicht das schlechteste Investment.

Fazit

Der Carry Trade ist eine elegante Idee, die in ruhigen Marktphasen über Jahre Geld bringen kann. Aber er ist berüchtigt für plötzliche, brutale Verluste, die Profis nennen das “picking up nickels in front of a steamroller” (Pfennige vor einer Dampfwalze aufsammeln). Für Privatanleger, vor allem in der Schweiz, ist die Steuersituation problematisch, und die Volatilitätsrisiken sind oft unterschätzt. Wer es trotzdem versucht, sollte klein anfangen, Volatilität verstehen und niemals davon ausgehen, dass die letzten 5 Jahre auch die nächsten 5 Jahre vorhersagen.