Long vs Short erklärt: Wie Trader auf steigende und fallende Kurse setzen
Was bedeuten Long- und Short-Positionen, wie funktioniert Leerverkauf rechtlich in DACH, und welche Risiken gibt es? Mit konkreten Beispielen aus dem Schweizer Markt.
Die zwei Grundrichtungen im Trading
Im Trading gibt es genau zwei Möglichkeiten, auf eine Kursbewegung zu wetten:
- Long: Du wettest darauf, dass der Kurs steigt. Du kaufst die Aktie (oder das Derivat) günstig und verkaufst sie später teurer.
- Short: Du wettest darauf, dass der Kurs fällt. Du verkaufst etwas, das du dir geliehen hast, kaufst es später günstiger zurück und gibst es zurück.
Long ist der “natürliche” Modus, Buy and Hold, Aktien für die Altersvorsorge, alle klassischen Investment-Strategien sind long. Short ist deutlich komplexer und kommt vor allem im aktiven Trading vor.
Long-Positionen: Der Standardfall
Eine Long-Position eingehen heisst: Du kaufst eine Aktie. Du wirst Eigentümer von ein paar Prozent des Unternehmens. Wenn der Kurs steigt, hast du Gewinn. Wenn er fällt, hast du (unrealisierten) Verlust.
Maximaler Gewinn: Theoretisch unbegrenzt (Aktien können sich vervielfachen).
Maximaler Verlust: Begrenzt auf deinen Einsatz. Wenn das Unternehmen pleitegeht, ist die Aktie 0 wert, aber mehr als deinen Einsatz kannst du nicht verlieren.
Beispiel: Du kaufst 10 Nestlé-Aktien zu CHF 80 = CHF 800 Einsatz. Steigt der Kurs auf CHF 100, hast du CHF 200 Gewinn (+25%). Fällt er auf CHF 60, hast du CHF 200 Verlust (-25%). Im Worst Case ist Nestlé wertlos, dann sind deine CHF 800 weg, aber keinen Franken mehr.
Short-Positionen: Auf fallende Kurse setzen
Eine echte Short-Position funktioniert so:
- Du leihst dir Aktien von einem Broker oder einem Pool von Investoren (gegen Leihgebühr)
- Du verkaufst die geliehenen Aktien sofort am Markt
- Wenn der Kurs fällt, kaufst du sie günstiger zurück
- Du gibst die Aktien dem Verleiher zurück und behältst die Differenz
Maximaler Gewinn: Begrenzt. Die Aktie kann maximal auf 0 fallen, dein Gewinn ist also auf den Verkaufserlös begrenzt.
Maximaler Verlust: Theoretisch unbegrenzt. Wenn die Aktie steigt statt fällt, musst du sie irgendwann zurückkaufen, egal zu welchem Preis.
Das ist der Hauptunterschied zu einer Long-Position: Bei Long ist dein Verlust begrenzt, bei Short ist dein Gewinn begrenzt, aber der Verlust ist offen.
Short Squeeze: Warum Shorts gefährlich sind
Der berüchtigte GameStop-Squeeze von 2021 ist das beste Beispiel: Viele Hedgefonds hatten GameStop short. Als der Kurs durch koordinierte Käufe explodierte, mussten die Shorter ihre Positionen schliessen, also Aktien zurückkaufen. Das trieb den Kurs noch weiter hoch, was noch mehr Shorter zu Zwangskäufen zwang. Ein Short Squeeze.
GameStop stieg von rund 17 USD im Januar 2021 auf zeitweise über 480 USD. Wer bei 17 USD short gegangen war und bei 400 USD gezwungen wurde, zu schliessen, hatte einen Verlust von rund 2.250% des Einsatzes. Bei einer Long-Position kann ein solcher Verlust gar nicht entstehen.
Praktische Wege, short zu gehen
Echtes Short-Selling (Leerverkauf) ist für Privatanleger meist kompliziert. Die gängigen Wege sind:
1. CFDs (Contracts for Difference): Hebelprodukte, die in Deutschland und Österreich weit verbreitet sind. Schweizer Broker bieten sie ebenfalls an. Wichtig: ESMA-Regeln in der EU limitieren den Hebel, 1:30 bei Forex-Majors, 1:20 bei Indizes, 1:5 bei Aktien, 1:2 bei Krypto. FINMA in der Schweiz schreibt diese Limits NICHT vor, hier kann der Hebel höher sein.
2. Optionsscheine und Short-Zertifikate: An deutschen Börsen sehr beliebt. Du kaufst ein Zertifikat, das im Wert steigt, wenn der Basiswert fällt. Schweizer Anleger können diese über Schweizer Broker handeln.
3. Put-Optionen: Geben dir das Recht, eine Aktie zu einem festgelegten Preis zu verkaufen. Klassisches Derivat, vor allem an US-Märkten verfügbar (über IBKR, Swissquote).
4. Inverse ETFs: ETFs, die die inverse Performance eines Indexes abbilden. Vorsicht: Bei längeren Haltedauern entstehen durch die tägliche Neuberechnung Pfadabhängigkeiten, die deine Rendite verzerren können.
Steuerliche Behandlung in DACH
Schweiz: Echtes Short-Selling von Aktien ist für Privatanleger schwer zugänglich. Bei Derivaten (CFDs, Optionsscheinen) gelten Kursgewinne in der Regel als steuerfreier Kapitalgewinn, vorausgesetzt, du wirst nicht als gewerbsmässiger Wertschriftenhändler eingestuft. Die Kriterien dafür (Haltedauer, Handelsvolumen, Fremdfinanzierung, Derivat-Anteil) sind streng. Wer regelmässig und mit Hebel handelt, riskiert die Einstufung als gewerbsmässig und damit die volle Einkommensbesteuerung.
Deutschland: Gewinne aus Short-Positionen unterliegen der Abgeltungsteuer (25% + 5,5% Soli). Verluste können verrechnet werden, aber mit Einschränkungen: Aktienverluste nur mit Aktiengewinnen, Termingeschäfte (z.B. Optionen) nur bis 20.000 EUR pro Jahr mit anderen Termingeschäftsgewinnen.
Österreich: KESt 27,5% auf realisierte Gewinne. Verluste können innerhalb desselben Kalenderjahres mit anderen Kapitalerträgen verrechnet werden. Ein Verlustvortrag in Folgejahre ist nicht möglich.
Wer geht short und warum?
Hedger: Wer ein grosses Aktienportfolio hat, kann durch Short-Positionen auf einen Index das Risiko reduzieren, ein Hedge. Beispiel: Ein institutioneller Anleger hält SMI-Werte für 10 Mio CHF und shortet gleichzeitig den SMI-Future, um sich gegen einen breiten Markteinbruch zu schützen.
Spekulanten: Aktive Trader, die auf bestimmte Aktien wetten, dass sie zu teuer bewertet sind. Berühmte Short-Investoren: Michael Burry (The Big Short), Jim Chanos.
Marktneutrale Strategien: Hedge Funds, die long und short kombinieren, z.B. long auf gute Unternehmen einer Branche, short auf schlechte. Idee: marktunabhängige Rendite.
Praktische Tipps
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Erst long verstehen, dann short: Wer nicht versteht, was Aktien überhaupt sind, sollte keine Shorts machen.
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Risikomanagement ist Pflicht: Bei Short-Positionen ist ein Stop-Loss noch wichtiger als bei Long-Positionen, weil das Verlustpotenzial unbegrenzt ist.
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Achtung bei Übernachtfinanzierung: Bei CFDs und Hebelprodukten fallen täglich Finanzierungskosten an, die deine Position verteuern, je länger du sie hältst.
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Niemals “investieren” mit Shorts: Shorts sind kurzfristige Trading-Instrumente, keine Buy-and-Hold-Strategie. Über lange Zeiträume steigen die meisten Märkte, ein Short gegen den Markt ist langfristig fast immer ein Verlust-Trade.
Fazit
Long und Short sind die zwei Seiten derselben Medaille. Long ist deutlich einfacher, sicherer und für die meisten Anleger die richtige Wahl. Short ist ein professionelles Werkzeug, das bei richtiger Anwendung sehr wertvoll sein kann, aber bei falscher Anwendung ruiniert es Konten. Wer sich an Shorts wagt, sollte klein anfangen, Hebel sehr vorsichtig dosieren und immer einen Plan haben, wann der Trade beendet wird, egal ob gewinnreich oder verlustreich.