Short Squeeze: Wenn Leerverkäufer auf dem falschen Fuss erwischt werden
GameStop, Volkswagen, Tesla, die spektakulärsten Marktbewegungen der vergangenen Jahre hatten eine Gemeinsamkeit. Was hinter einem Short Squeeze steht.
Im Januar 2021 stieg die Aktie des US-Videospielhändlers GameStop innerhalb weniger Tage von 20 auf über 480 Dollar, ein Plus von mehr als 2’000 Prozent. Hedgefonds verloren Milliarden. Robinhood-Trader feierten in Foren wie WallStreetBets. Die Marktbewegung war so extrem, dass sogar Brokerage-Firmen den Kauf der Aktie temporär stoppten.
Was sich da abspielte, war ein klassischer Short Squeeze, ein Marktphänomen mit einer alten Geschichte, das in der Ära des Internets neue Dimensionen erreicht hat.
Die Mechanik in Kürze
Ein Short Squeeze entsteht, wenn:
- Eine grosse Anzahl Investoren auf fallende Kurse setzt (Short-Position)
- Der Kurs aus irgendeinem Grund stark steigt
- Short-Verkäufer gezwungen sind, ihre Positionen zu schliessen (also die Aktie zu kaufen)
- Diese Käufe treiben den Kurs noch höher
- Was wiederum mehr Short-Seller zu Liquidationen zwingt
Es entsteht eine selbstverstärkende Aufwärtsspirale, die deutlich über fundamental gerechtfertigte Bewertungen hinausgehen kann.
Was eine Short-Position ist
Bevor wir tiefer einsteigen, ein kurzer Rückblick auf den Leerverkauf.
Beim Leerverkauf verkauft ein Investor Aktien, die er nicht besitzt. Er leiht sie sich von einem anderen Investor (gegen Gebühr), verkauft sie am Markt und hofft, sie später günstiger zurückkaufen zu können. Die Differenz ist sein Gewinn.
Beispiel:
- Investor leiht 100 Tesla-Aktien zu je 250 USD
- Verkauft sie zu 250 USD = 25’000 USD Erlös
- Aktie fällt auf 200 USD
- Investor kauft 100 Aktien zurück = 20’000 USD
- Gewinn: 5’000 USD (minus Leihgebühr)
Das Risiko beim Short Selling ist asymmetrisch: Der maximale Gewinn ist begrenzt (auf den Preis, zu dem leerverkauft wurde, die Aktie kann maximal auf null fallen). Der Verlust ist theoretisch unbegrenzt, die Aktie kann beliebig hoch steigen.
“Shorting stocks is like picking up nickels in front of a steamroller. Most of the time, it works. Until it doesn’t.” , anonymer Hedgefonds-Trader
Der Auslöser des Squeezes
Was bringt die Spirale ins Rollen? Verschiedene Auslöser sind möglich:
Fundamentale Überraschung. Eine Firma meldet überraschend gute Zahlen, gewinnt einen grossen Auftrag oder kündigt eine bahnbrechende Innovation an. Short-Seller, die auf den Niedergang gewettet haben, müssen umdenken.
Koordinierter Käufer-Druck. Wenn eine grosse Gruppe von Anlegern simultan kauft, kann der Kurs auch ohne fundamentale Begründung steigen. GameStop 2021 war dieses Phänomen, koordiniert über WallStreetBets.
Übernahme-Spekulation. Eine Übernahmenachricht kann eine Aktie schlagartig hoch katapultieren, Short-Seller geraten unter Druck.
Margin Calls. Wenn Short-Seller Margin-Anforderungen nicht mehr erfüllen können, werden ihre Positionen zwangsweise liquidiert. Diese Zwangskäufe verstärken die Spirale.
Das berühmteste Beispiel: Volkswagen 2008
Der grösste Short Squeeze der Geschichte ereignete sich nicht im Internet-Zeitalter, sondern 2008 mit der Volkswagen AG.
Die Vorgeschichte: Hedgefonds hatten massive Short-Positionen auf VW aufgebaut, in der Erwartung, dass die Aktie nach einer Übernahme durch Porsche fallen würde.
Am 26. Oktober 2008 gab Porsche überraschend bekannt: Man habe bereits 74 Prozent der VW-Stammaktien direkt oder über Derivate kontrolliert. Zusammen mit den 20 Prozent des Landes Niedersachsen waren damit 94 Prozent der Aktien gebunden, nur 6 Prozent waren frei am Markt verfügbar.
Die Folge: Short-Seller hatten mehr Aktien leerverkauft, als überhaupt verfügbar waren. Sie mussten kaufen, koste es, was es wolle.
Der VW-Kurs stieg innerhalb von drei Tagen von rund 200 Euro auf zeitweise über 1’000 Euro. Volkswagen wurde dabei kurzzeitig zum wertvollsten Unternehmen der Welt, vor Exxon Mobil und Microsoft.
Hedgefonds verloren geschätzte 20 bis 30 Milliarden Euro. Mehrere namhafte Fonds gingen in den folgenden Monaten in die Insolvenz.
GameStop 2021, Der Squeeze im Internet-Zeitalter
GameStop war anders. Hier kam der Squeeze nicht von einem strategischen Investor, sondern von einer dezentralen Bewegung von Retail-Tradern.
Die Ausgangslage:
- GameStop war ein Sorgenkind: Stationärer Videospielhändler in Zeiten des Online-Gaming
- Hedgefonds wie Melvin Capital hatten massive Short-Positionen aufgebaut
- Der Short Interest (Anteil der leerverkauften Aktien) lag bei über 140 Prozent, mathematisch möglich durch wiederholtes Verleihen derselben Aktien
Das Setup:
- Ryan Cohen (Mitgründer von Chewy.com) trat in den Verwaltungsrat ein
- Im Reddit-Forum WallStreetBets organisierten sich Tausende Retail-Trader
- Sie kauften GameStop-Aktien gezielt, um den Squeeze auszulösen
Das Resultat:
- Kurs von 20 auf 480 USD innerhalb von 10 Tagen
- Melvin Capital verlor etwa die Hälfte seines Kapitals (rund 6 Milliarden USD)
- Robinhood stoppte den Kauf, ein bis heute umstrittener Eingriff
- Anhörungen im US-Kongress folgten
“GameStop was not about GameStop. It was about who controls the financial system.” , Anonymous, Bloomberg-Interview
Wie man einen möglichen Short Squeeze erkennt
Drei Kennzahlen sind relevant:
Short Interest. Anteil der Aktien, die leerverkauft sind. Über 20 Prozent gilt als hoch, über 40 Prozent als extrem.
Short Interest Ratio (Days to Cover). Wie viele Handelstage brauchen Short-Seller, um ihre Positionen bei normalem Volumen zu schliessen? Werte über 5 Tage sind ungewöhnlich, über 10 Tage extrem.
Cost to Borrow. Wie viel kostet es, die Aktie zu leihen? Bei normalen Werten 0.5 bis 3 Prozent jährlich. Bei stark geshorteten Aktien teilweise 50 bis 200 Prozent.
Datenquellen: S3 Partners, FintelData, OrtexAnalytics. Im freien Web verfügbar bei MarketWatch und Finviz.
Short Squeeze in der Schweiz?
Schweizer Aktien sind seltener Ziel von Short-Squeeze-Spekulationen. Die Gründe:
- Geringere Retail-Beteiligung. Schweizer Kleinanleger sind im Aktienhandel weniger organisiert als amerikanische.
- Engere Short-Märkte. Die Stempelabgabe macht Leerverkäufe teurer.
- Konzentration auf Blue Chips. SMI-Werte sind zu liquide, zu gross für klassische Squeeze-Szenarien.
Trotzdem: 2014 erlebte die Aktie der Schweizer Bauchemie Sika einen Mini-Squeeze nach einem Übernahmestreit mit Saint-Gobain. Allgemein sind Schweizer Squeezes aber selten.
Risiken für die Anleger-Seite
Wer auf Short Squeezes spekuliert, sollte die Risiken kennen:
Timing-Problem. Selbst wenn ein Squeeze “fällig” wirkt, kann er Wochen oder Monate auf sich warten lassen, oder gar nicht eintreten. In dieser Zeit kann die Aktie weiter fallen.
Volatilität. Squeeze-Aktien haben extreme Tagesschwankungen. Stop-Losses können in Sekunden ausgelöst werden, danach erholt sich die Aktie wieder.
Regulatorisches Risiko. Wie GameStop gezeigt hat, können Brokerage-Firmen Käufe stoppen. Wer im Squeeze gefangen ist, kann möglicherweise nicht aussteigen.
Steuerliche Komplikation. Hohe Gewinne in kurzer Zeit erhöhen das Risiko, als gewerbsmässiger Wertschriftenhändler eingestuft zu werden.
Fazit
Short Squeezes sind faszinierende, aber gefährliche Marktphänomene. Sie zeigen, wie extreme Marktverhältnisse zu noch extremeren Bewegungen führen können, und wie die Asymmetrie des Leerverkaufs gegen die Short-Seller arbeitet.
Für den durchschnittlichen Anleger sind sie keine sinnvolle Anlagestrategie. Wer Short Squeezes erfolgreich tradet, muss extrem aktiv sein, das Marktumfeld in Echtzeit überwachen und mit dramatischen Verlusten leben können, falls das Setup nicht aufgeht.
Für die meisten Privatanleger ist das spannendere Lernfeld das Verständnis der Mechanik, nicht die aktive Spekulation darauf.
Dieser Artikel dient ausschliesslich der Information und stellt keine Anlageberatung dar.